Das Subjekt und das Netz
Zu einer Politik der Sichtbarkeit

Mercedes Bunz

“User hinterlassen im Netz unabsichtlich Spuren, die – unsichtbar – fremden Zwecken untergeordnet werden.” Dieser Satz, der dem Ankündigungstext einer Tagung der Lüneburger Veranstaltungsreihe Hyperkult entnommen ist, scheint mir exemplarisch für eine bestimmte Angst, welche die Ankunft des Internets vor allem in den ersten Jahren lang begleitet hat. Aus diesem Grund möchte ich diesen zum Ausgangspunkt für einige Überlegungen machen. Zunächst gilt es dabei konkret am Beispiel des Cookies zu zeigen, wie im Netz eine Spur, welche den User sichtbar macht, technisch produziert wird. Exemplarisch an dieser Subjektwerdung gilt es dann die Figur des Subjektes theoretisch einzukreisen, um abschließend die Rolle, die das Medium bei dieser Subjektwerdung einnimmt, genauer zu beleuchten. Zu zeigen wird sein, dass die Politik der Sichtbarkeit nicht vom Medium ausgeht, im Gegenteil: Die Form des Subjektes ist dem Medium nicht gegeben, sie wird ihm einprogrammiert.

I. Die technische Spur des Subjektes

User hinterlassen unabsichtlich Spuren, die sichtbar gemacht werden können. Im WorldWideWeb genügen 6 Parameter, um erkennbar zu werden. Es ist eine kurze Kette aus nüchternen Informationen – einem Namen und einem Inhalt, einem Verfallsdatum der Gültigkeit der Information, einem abgesteckten Weg und Gebiet, sowie die Frage nach der Notwendigkeit einer sicheren Übertragungsform, um im Rahmen des Browsers, jenes meistgenutzten Tools im World Wide Web, ein Subjekt hervorzubringen und zu verfolgen.[1] Gleich Hänsel und Gretel im Grimmschen Märchen hinterlassen Cookies Krümelspuren, um den Weg zurück zum Subjekt zu finden.

“Set-Cookie: NAME=VALUE; expires=DATE;
path=PATH; domain=DOMAIN_NAME; secure”

Die Syntax eines Cookies ist ein CGI-Skript, um das der http-Header ergänzt wird. Im September 1994 fügt der Protokoll-Manager der amerikanischen Firma Netscape, Lou Montulli, das langfristige Speichern dieses Text-Only-Strings in den Netscape-Browser Navigator 1.0 ein, im Februar 1997 wird das Cookie mit dem Request for Comment 2109 erstmalig von der Internet Engineering Task Force (IETF) zum Standard erklärt. Mit dem Cookie perfektioniert sich die Adressierung der bisherigen Browsertechnologie. Sie perfektioniert sich, aber was sich hier ereignet geht über die unschuldige Beobachtung hinaus, dass das technische Protokoll einfach um einen weiteren Standard ergänzt wird. Mit Foucault und Althusser kann man sagen, dass sich mit der Cookie-Technologie ein Verfahren etabliert, mit dem im Rahmen des WWW Subjekte gemacht werden. Es handelt sich um eine Technik der Subjektivierung.

In der Tat lässt sich Althussers Lehre der Subjektivierung als “Anrufung des Subjektes” an ihren zentralen Punkten, die Althusser als l’interpellation“, assujettissement au sujet et la reconnaissance“ beschreibt – also als Anrufung, Anerkennung des Subjektstatus und als Wiedererkennung – auf das Cookie beziehen, nicht zuletzt weil schon Althusser sein Verfahren als eine “Praktische Telekommunikation der Anrufung” bezeichnet. In der Tat liegt die Übertragung der Sozialisation auf die Cookie-Technologie nahe, denn alle drei Momente Althussers lassen sich in den Ablauf der Funktion des Cookies einlesen, wenn man erstens die Anrufung als Zuteilung einer Adresse, als Set-Cookie-Funktion begreift, zweitens die Anerkennung des Subjektstatus als Annahme des Cookies liest, aus der drittens jene Wiedererkennung resultiert, der wir das personalisierte Angebot verdanken, das wir bei Amazon oder Ebay durchaus zu schätzen gelernt haben. Die Cookie Technologie fügt dem Netz also eine weitere Sichtbarkeit hinzu, eine Sichtbarkeit, die – mit Althusser gesprochen – Subjekte rekrutiert, in dem sie die Spur des Subjektes sichtbar macht: Eine Technik der Subjektivierung.

In Bezug auf die Disziplinargesellschaft, die Foucault und Althusser beschrieben haben, kann man beobachten, dass das Verfahren, in dem Subjekte hergestellt werden, das Verfahren der Objektivierung, sich jedoch verändert hat. Die Unterwerfung zielt auf einen anderen Punkt: In Althussers Konzeption funktioniert die Rekrutierung des Subjekts, die Technik der Subjektivierung als spiegelhafte Verdopplung, als Unterwerfung unter ein höhergestelltes Ebenbild, unter Gott, Vater, Fabrikdirektor. Die “spiegelhafte Verdopplung ist konstitutiv für die Ideologie und gewährleistet zugleich ihre Funktionsweise”[2], bemerkt Althusser. Doch was hier beim Cookie als Technologie der Subjektivierung entscheidend ist, ist eine andere Form der Unterwerfung: Es ist die Dichte, die zwischen Subjekt und Spur hergestellt wird. Im Vordergrund steht nicht mehr die spiegelhafte Verdopplung eines vorbildlichen Ebenbilds, dem das Subjekt gleichzukommen hat. Im Gegenteil: Es handelt sich darum, die Spur des Subjektes, d.h. also sein Auftauchen, zu einem Netz aus Daten zu verdichten, mit dem seine Bewegungen berechenbar werden. Es ist ein flexibilisiertes Subjekt, das den Eintritt in die Kontrollgesellschaft markiert, die Deleuze als Ausgang der Foucaultschen Forschungen beschrieben hat und in der die ständige Kontrolle die Disziplinierung ablöst: Die Technik der Unterwerfung, die Technik der Subjektivierung regiert nicht mehr, in dem sie das vorbildliche Ebenbild als Spur vorgibt, entlang derer sich das Subjekt zu bewegen hat. Sie kontrolliert, indem sie Daten sammelt und aus ihnen die Bandbreite der Spur vorausberechnet. Die Direktiven werden durch Kontrollakte abgelöst. Der Angriffspunkt der Macht, jener Punkt, an dem Subjekte formatiert werden, hat sich verschoben: Das entscheidende Moment der Disziplinierung liegt nicht mehr in der Beziehung zwischen den Subjekten, sondern konzentriert sich auf die Beziehung zwischen dem Subjekt und seiner Spur.

Die Geschichte des Cookies ist immer auch ein Kampf um die Dichte dieser Spur gewesen, ein Kampf darum, etwas zu einem bestimmten Subjekt festgelegen zu können, ein Kampf darum, sich dieser Festlegung zu verweigern. Vor allem in den USA ist immer wieder das Recht auf Anonymität eingeklagt worden. In Bezug auf das Cookie etwa gab es die lauteste Aufregung um den Internet-Werbevermarkter DoubleClick. Mit der Übernahme des Marktforschungshauses Abacus drohten die Datenbestände der beiden Firmen zu einer Marketingdatenbank zu verschmelzen, die nutzungs- und personenbezogene Daten von Konsumenten zusammenführen konnte und damit im Wust von bislang strategischen Daten bestimmte Subjekte identifizierte. Eine Flut von Prozessdrohungen antwortete auf die Fusion der Firmen, sogar die amerikanische Wettbewerbsbehörde Federal Trade Comission begann zu ermitteln. In Deutschland, in dem eine solche Fusion durch das Teledienstedatenschutzgesetz verhindert ist, hat man vor allem auf technischer Ebene versucht, die Anonymität des Users zu bewahren: Siemens Webwasher wäre ein Programm, welches das Ausspionieren des Users verhindert, spektakulärer noch ist aber wohl das Tool der Informatiker der TU-Dresden, die mit dem CookieCooker den Nutzer in unterschiedliche Identitäten schlüpfen lassen.
Der CookieCooker füllt Formulare im Web mit zufällig ausgewählten Namen, Alter, Wohnort aus. Nutzernamen und Passwort werden stellvertretend gespeichert. Dabei erleichtert das Programm das Anlegen und die Nutzung von Web-Accounts, weil es die angegebenen Daten verwaltet, die es vielfältig verwirrt hat, indem Datenpakete mit anderen Nutzern ausgetauscht wurden. Auf diese Weise kann man die Vorteile des Cookies nutzen, zugleich aber wird die eigene Identität unbrauchbar für professionelle Datensammler. Es ist also ein Identitätsmanagement, das die Anonymität bewahrt, indem es die Spur verunreinigt und die Berechnungen der Bewegungen des Subjektes verwirrt. Was hier mit diesem Tool verhindert wird, was verwischt wird, ist also die Möglichkeit, die Spur auf das Subjekt in einer glatten und direkten Weise zurückzuführen. Man kann an Hand des CookieCookers bemerken: Es gibt eine Spur, es gibt eine verunreinigte Spur, aber es gibt damit nicht mehr: das Subjekt. Die Sichtbarkeit des Subjektes wird abgelenkt, indem die Spur verunreinigt wird, das Verhältnis zwischen Spur und Subjekt wird gestört, denn: “Spur ist die Eröffnung der ursprünglichen Äußerlichkeit schlechthin, das rätselhafte Verhältnis eines Lebendigen zu seinem Anderen und eines Innen zu einem Außen: ist die Verräumlichung.”[3], wie Derrida bemerkt. Wenn dieses Verhältnis jedoch gestört wird, tritt das Subjekt, tritt die Identität des Subjektes nicht in Erscheinung.
Die Spur verweist auf das Subjekt – aber ist das Subjekt überhaupt von der Spur zu trennen? Man wird nicht umhin können, auf diesen Punkt zurückzukommen. Denn – an dieser Stelle möchte ich auf den Satz vom Beginn des Aufsatzes zurückkomemmen – hinterlassen User wirklich Spuren, “hinterlassen” sie sie und vor allem: hinterlassen sie sie “unabsichtlich”? Ohne Zweifel ist es so: Die Spur kreuzt das Subjekt, sie kreuzt das Subjekt, aber das muss nicht unbedingt heißen, dass sie ihm nachgeordnet ist. Man muss diesen Satz also noch einmal auseinander nehmen und mit einer gewissen insistierenden Spitzfindigkeit von allen Seiten betrachten, um das Verhältnis der beiden, ihre Konstellation, in aller Komplexität verfolgen zu können.

II. Technische Identität und ihre diskursive Produktion

In einem Büro sitzt ein Hund auf einem Drehstuhl an einem Schreibtisch. Auf dem Bildschirm eines PCs vor ihm kann man verschwommen geladene Schrift erahnen. Seine linke Tatze ruht auf der Tastatur. Er redet mit einem kleinen gescheckten Hund, der rechts von ihm auf dem Boden sitzt und fragend zu ihm aufschaut. “On the internet”, erklärt er ihm, “nobody knows you’re a dog”. Am 5. Juli 1993 erscheint dieser Cartoon von Peter Steiner erstmalig im amerikanischen Magazin “New Yorker”.[4] Es ist ein eher altmodischer Cartoon im naiven Stil mit rahmendem Strich und nur der notwendigsten Schattierung, doch man hat ihn systematisch zu einem visionären Moment erklärt, ihn dem Spiel der Wiederholungen unterworfen und ein Ereignis aus ihm gemacht.[5] Man hat ihn tausendfach wieder abgebildet – auf T-Shirts oder als gerahmten Druck, im WWW ebenso wie in technologischer Fachliteratur. Bill Gates hat für preiswerte 200 Dollar das Recht zum Wiederabdruck in seinem millionenfach verkauften Buch “The Road ahead” eingekauft. Der amerikanische Theaterautor Alan David Perkins ist von ihm zu seinem Stück “Nobody Knows I’m a Dog” über Teilnehmer eines Chatrooms inspiriert worden.[6] Und in den ersten drei Versionen von “Just Java 1.1 & Beyond” hat der Programmierer Peter van der Linden das Cartoon als Beispiel für einen Server verwendet, der versucht herauszubekommen, ob der User ein Hund sei.

public class DogServer
{ public static void main(String a[]) throws IOException
{ int port = 4444;
Socket client = null;
// Next we create the server socket that we will listen to.
ServerSocket servsock = new ServerSocket(port);

String query = “If you met me would you shake my hand, or sniff it?”;

while (true)
{ // Wait for the next client connection
client = servsock.accept();
// Create the input and output streams for our communication.
PrintStream out = new PrintStream( client.getOutputStream() );
BufferedReader in = new BufferedReader(new InputStreamReader( client.getInputStream()));
// Now you can just write to and read from these streams.

// Send our query
out.println(query); out.flush();

// get the reply
String reply = in.readLine();
if (reply.indexOf(“sniff”) > -1)
{ System.out.println(“On the Internet I know this is a DOG!”);
out.println(“You’re a dog.”);
}
else
{ System.out.println(“Probably a person or an AI experiment”);
out.println(“You’re a person or something.”);
}
out.flush();
// All done. Close this connection
client.close();
}
}
}[7]

Man kann also beobachten, dass der Satz, den Peter Steiner in kursiver Schrift unter die Hunde setzte, durch die vielfachen Wiederholungen, Bezüge und Zitate zu einem diskursiven Monument geworden ist, das ein bestimmtes Zentrum des Diskurses markiert. Zunächst, in seiner eigenen Zeit, 1993, kann man an ihm den Eintritt der Technologie Internet in den öffentlichen Diskurs ablesen. Der Cartoon im New Yorker verzichtet darauf klarzustellen, dass das Internet ein Verbund von Computern sei. Der Begriff des “Internet” kann ohne weitere Erklärungen als Punchline in einem wöchentlich erscheinenden Kulturmagazin genannt werden.[8] Die Diskussion der Technologie des Internet beginnt nicht nur außerhalb konzentrierter fachlicher Diskurse aufzutauchen, sie hat sich von Erklärungen gelöst und ist zu einem eigenständigen begrifflichen Objekt geworden. Der Begriff des Internets ist an die Oberfläche des Diskurses getreten, hat dabei anscheinend diese zwei Hunde getroffen und in der Tat läuft eben an dieser Stelle, mitten durch die Hunde, durch den Typus der Hunde auch, es sind Mischlingshunde, ein zweiter Diskurs: der Diskurs um Identität, um ihre Konstruktion. Und es ist genau dieser Aspekt, der in dem Cartoon thematisiert wird, der Computer, Tastatur und Hund zu einem Witz verbindet: Das Wissen um die Konstruktion von Identität impliziert die Option, sie abzulegen oder zumindest zu verwischen. Das Internet erscheint als eine Technologie dieser Option: On the Internet nobody knows you’re a dog.

Identität und Internet wird zu einem “heißen”, einem intensiven, widerspenstigen und überladenen Thema. Rund um die Frage der Identität im Netz setzt eine aufgeregte Geschäftigkeit ein. Genau dies deutet aber darauf hin, dass man auf ein noch neues und noch ungeordnetes diskursives Zentrum gestoßen ist. Und in der Tat setzt im Netz jede Menge Aktivität um die Identität ein: Empirische und analytische Untersuchungen werden an Universitäten ebenso erstellt wie in Firmen, Geschäftsmodelle werden konzipiert und gefördert, Software wird programmiert und Hardware gebaut, juristische Ansprüche geäußert, staatliche Exekutiven zu ihrer Überwachung gegründet und Gesetzesinitiativen verabschiedet. All diese Aktivitäten zeugen vor allem von einem: Es scheint, als sei man auf eine offene Stelle gestoßen, die mit hektischer Betriebsamkeit umgeben wird, die besetzt und gefüllt werden muss: die Sichtbarkeit des Subjektes. Die hektische Betriebsamkeit, die in dem Moment einsetzt, in dem das Netz sich als Massenkommunikationsmittel etabliert, deutet auf eine grundlegende Verunsicherung hin, die zeigt, dass es an diesen Spuren mangelt. Sie verweist auf eine ungewöhnliche, eine unheimliche Abwesenheit, eine Unsichtbarkeit, die mit ihrer Benennung ins Sichtbare tritt, treten wird. Merleau-Ponty beschrieb ein solches Moment mit Verweis auf Husserl als etwas Unsichtbares, das “nicht aktuell sichtbar ist, aber es sein könnte’”[9]. Der Diskurs, der um das Thema der Hunde und des Netzes einsetzt, der Diskurs, der den Mangel artikuliert und ihm eine Form gibt, die dabei ist, ins Sichtbare zu treten, ist im Sinne von Foucault eine Praktik, die systematisch den Gegenstand bildet, von dem sie spricht[10]: Das Subjekt im Netz.

III. Die Bildung des Subjektes

Man ist hier auf den Punkt gestoßen, an dem die Formatierung des Subjektes einsetzt und ich möchte das im Folgenden als erste These aufstellen, der eine zweite folgen wird: Das Subjekt ist der Technik nicht vorgängig. Zwar wird Technologie im Netz in Bezug auf das Subjekt eingesetzt, um die Spur des Users sichtbar zu machen, doch User hinterlassen keine Spuren, im Gegenteil: Erst die Spur konstituiert den User. Man kann bemerken, dass in den letzten Jahren eine vielfältige Betriebsamkeit eingesetzt hat, um das Netzprotokoll durch weitere Programme, Regeln, Gesetze zu ergänzen und das Auftauchen des Subjektes zu garantieren. Die Spur ist der Technologie des Netzes nicht vorgängig eingeschrieben. Ob es sich um das Einfügen des Cookies-Strings in den http-Header handelt, ob man eine digitale Signatur für den Bürger entwickelt oder ob Provider gesetzlich verpflichtet werden, Logfiles zu archivieren: Das Netz wird anthropomorphisiert, der Mangel ausgeglichen. In der Technologie des Netzes wird die Spur des Subjektes sichtbar gemacht, indem das Subjekt in die Technologie des Netzes einprogrammiert wird – und zwar nachträglich.
Und man kann eben daraus eine zweite These ableiten: Die Technologie wird erst in dem Moment zu einer Technik der Subjektivierung, zu einer Technik der Kontrolle, in der in der Technik das Subjekt aufgerufen wird. Die Unheimlichkeit, die Bedrohung, durch die Technologie kontrolliert zu werden, das Moment der “Entfremdung” resultiert nicht aus dem Punkt, dass die Technologie über das Subjekt verfügt: Die Technik bedarf zunächst überhaupt keiner identitären Spur des Subjekts. Der Diskurs formatiert diese offene Stelle, er gibt den Anlass zu einer Subjektivierung der Technologie, die gegen eine unheimliche Anonymität gerichtet wird. Es ist also nicht das Netz als solches, welches das Subjekt kontrolliert, es ist nicht das Netz, welches das Subjekt sichtbar macht, sondern ein diskursives Machtfeld, das nicht ohne Subjekte auskommt.
Daraus lässt sich jedoch wiederum eine dritte These ableiten: Nicht das Netz entfremdet das Subjekt, die Figur des Subjektes ist per se sich selbst entfremdet: Subjektwerdung impliziert immer zugleich eine Bildung von Subjektivität und damit die Unterwerfung unter ein bestimmtes sichtbares und damit disziplinarisches, kontrollierbares Format – die Spur. Wie der frühe Derrida geschrieben haben würde: Man ist auf die beunruhigende Arbeit der Differenz gestoßen. Genau deshalb muss man an dieser Stelle noch einmal die Figur des Subjektes genauer betrachten, um die Politik der Sichtbarkeit zu verstehen, die sich im Netz inszeniert. Diesen Thesen geht es nun ins Detail zu folgen.

Man hat zunächst gesehen, dass das Subjekt dem Netz nicht vorgängig ist. Der Diskurs um die Hunde kann deutlich als ein kulturelles Zeichen dafür gelesen werden, dass am Anfang die Technologie genau das Subjekt nicht abbildet und sichtbar macht. Am Anfang gibt es im Netz kein Subjekt als eine Identität. Deshalb kommt auch nicht von ungefähr, dass zu Beginn des Internet auf dem Feld der Kulturwissenschaft und Medientheorie vor allem jenes beunruhigende Moment thematisiert worden ist. Immer wieder wird das Netz als eine Topographie der Anonymität beschrieben, als eine Technik, durch die der Körper, der aus dem Subjekt eine Identität zu machen scheint,[11] in den Hintergrund tritt. Muds und Moos waren nicht von ungefähr lange Zeit jener herausragende Ort, an dem Internet und Theorie aufeinander trafen – auch wenn sie technisch und ökonomisch für das Netz nicht relevant waren und deshalb immer eher Aussagen über die Theorie und nicht Aussagen über das Netz gewesen sind.
Doch zurück zum Diskurs um das Subjekt und das Internet: Zunächst, in einem ersten Schritt, wird das Subjekt vor allem als Abwesenheit thematisiert, eine Abwesenheit, die jedoch bereits seinen Auftritt vorbereitet. In einem zweiten Schritt wird dann die Technik der Subjektivierung durch die Subjektivierung der Technologie vollzogen und durch eine Anthropomorphisierung der Technik hergestellt. Schon ein kurzer Blick auf die Metaphorik der Netztechnologie – auf die Internet Explorers, Navigators und Outlooks – zeigt, dass hier die Rolle der ethnologischen Expedition wieder aufgerufen wird, dass suggeriert wird, es gelte, ein undurchdringliches Terrain zu erforschen, zu kartographieren, zu zähmen und zu zivilisieren. Technologie wird als undurchdringliches, als bedrohliches Terrain beschrieben, das zivilisiert werden muss. Zivilisierung jedoch ist nichts anderes als die Bildung von mündigen Bürgern, die Rekrutierung von Subjekten, die Anrufung von Eigennamen – oder, wie man mit Althusser und Foucault bemerken könnte, die Reproduktion und Aufpfropfung der bisher geltenden Machtverhältnisse. Der Anruf des Subjektes, seine Rekrutierung gilt als ein Akt der Zivilisierung und ebenso wie in der Ethnologie ist dieser Akt der Zivilisierung immer auch ein Akt der Gewalt, denn die Nomination als Moment der Subjektwerdung ist immer auch ein Akt der Enteignung.

Um dieser Gewalt auf die Spur zu kommen, muss man danach fragen, wie die Politik der Sichtbarkeit und die Figur des Subjektes ineinander greifen. Man kann die Schuld nicht der Technologie in die Schuhe schieben. Nicht das Sichtbarmachen einer Spur, die das Subjekt hinterlässt, ist der Ort, an welchem dem Subjekt Gewalt angetan wird. Die Spur repräsentiert nicht das Subjekt wie etwas Äußerliches, das hinzutritt und dann dem vorher unversehrten Subjekt Gewalt antäte. Das Subjekt beginnt erst mit der Spur, beginnt erst mit der Subjektivierung der Technik: Anrufung, Rekrutierung des Subjektes. Zwar erlaubt die Spur, das Subjekt zu kontrollieren, doch die Gewalt ist nicht ursprünglicher Teil der Technologie, in die sich die Spur einschreibt, sie ist dem Subjekt selbst inhärent. Derrida beschreibt den Moment des in Erscheinungtretens, des Benennens, die Rekrutierung des Subjektes in der Grammatologie:

“‘Benennen’, die Namen geben (…), das ist die ursprüngliche Gewalt (…). Ur-Gewalt, Verlust des Eigentlichen, der absoluten Nähe, der Selbstpräsenz, in Wahrheit aber Verlust dessen, was nie stattgehabt hat, einer Selbstpräsenz, die nie gegeben war, sondern erträumt und immer schon entzweit, wiederholt, unfähig, anders als in ihrem eigenen Verschwinden in Erscheinung zu treten.”[12][12]

Subjektwerdung ist genau solch ein Prozess des Benanntwerdens, ein Prozess, in dem die Selbstpräsenz, die nur erträumt ist, verloren wird und dadurch zugleich als ein Ideal installiert wird, dem man nachhängt, ein Ideal, das alle Techniken der Identifizierung anleitet. Der Verlust des Eigentlichen, der Verlust einer Selbstpräsenz, die nie gegeben war, sondern erträumt, ist der eigentliche Moment, an der die Politik der Sichtbarkeit greift: das Moment der Spur. Der gewaltsame Moment einer Politik der Sichtbarkeit beginnt nicht im Medium. Er beginnt nicht im Netz. Er beginnt in der Figur des Subjektes, in seinem Moment der Anrufung, in dem Moment, an dem die Spur in Erscheinung tritt. Die Gewalt einer Politik der Sichtbarkeit, der Moment der Kontrolle, ist also in der Figur des Subjektes angelegt und nicht im Medium. Die Figur des Subjektes ist eine Form, die erst von einem ruhelosen Diskurs im Medium aufgerufen wird und die durch die Spur in Erscheinung tritt. Das Subjekt wird rekrutiert, indem die Technologie zivilisiert wird. Und die Form des Subjektes ist dem Medium nicht gegeben, sie wird ihm einprogrammiert.

Mit dieser Beobachtung, mit der Beobachtung, dass die Form dem Medium nicht gegeben ist, sondern ihm einprogrammiert wird, ruft man ein ganz bestimmtes Verhältnis von Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit in Bezug auf das Medium auf. Das Medium ist nicht das Unsichtbare, dessen Identität sich im Vollzug der Form zeigt. Die Frage, die man sich stellen muss, wenn man an einer wachen, an einer politischen Kulturtheorie interessiert ist, lautet viel eher: Wie kommt es, dass das Medium als eine bestimmte Form erschienen ist und keine andere an seiner Stelle? Genau damit, mit dieser Frage, praktiziert man dann eine Art Stilgeschichte des Mediums, mit der man die Politik der Sichtbarkeit selbst sichtbar macht. Es sind eben immer bestimmte Markierungen, die angerufen, die sichtbar gemacht werden, während andere unsichtbar bleiben dürfen oder gar nicht in Erscheinung treten. Medienkritik bedeutet deshalb, von jeder simplen Technikfeindlichkeit abzusehen, die sich einfach gegen das Medium stellt, sie bedeutet vielmehr zu verfolgen, wie der Diskurs einer Politik der Sichtbarkeit mit den technischen Möglichkeiten des Mediums interagiert.








[1] Vgl. RFC 2109, February 1997. http://www.ietf.org/rfc/rfc2109.txt
[2] Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg, VSA 1977, 147
[3] Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1983, 124
[4] Peter Steiner, „On the internet nobody knows you’re a dog“, The New Yorker Magazin. 5. Juli 1993, 61
[5] Immer noch ist zu dieser Zeit allerdings ein Großteil der Länder nicht an das Netz angeschlossen, im Jahre 1993 kommen alleine 17 Länder neu hinzu. Das WWW befindet sich zu dieser Zeit also noch in seinen Anfängen. Im Juni 1993 zählt Matthew Grays Web-Wanderer nur 130 Websites. Die amerikanische Fachzeitung Wired berichtet im Juli 1993 erstmalig in einer kurzen News über das WWW.
[6] Näheres dazu auf http://www.alandavidperkins.com [11.10.2005]
[7] Peter van der Linden. Just Java. Prentice Hall 2001, 244-247
[8] Vgl. Glenn Fleishmann, „Cartoon captures spirit of the internet“, in: The New York Times, 14. Dezember 2000
http://www.nytimes.com/2000/12/14/technology/14DOGG.html [10.10.2005]
[9] Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare, München, Wilhelm Fink 1994, 323
[10] Vgl. Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1981, 74
[11] Tatsächlich scheint der Körper ja nur aus dem Subjekt eine Identität zu machen, in der Tat untersteht der Körper wiederum selbst einem diskursiven Regime, wie Judith Butler gezeigt hat. Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter , Frankfurt am Main, Suhrkamp 1991
[12] Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1983, 197