Der Anteil der Dinge
Zur Rolle der Technologie bei Cyborgs, Quasi-Subjekten und anderen Mutanten
 
Die Frage nach der Rolle der Technik ist für das 21. Jahrhundert fundamental. Dabei ist man im technologischen Diskurs an einen bestimmten Punkt gelangt: Man ist bereit, die Betonung auf die Technik zu legen und die Technologie in den Mittelpunkt zu stellen, zugleich möchte man ihr jedoch immer noch nicht die vollen Rechte zugestehen. “Wie viel Eigenmächtigkeit und Interaktionsfähigkeit messen wir technischen Artefakten zu?”, diese Frage, auf einer Soziologietagung[1] in Berlin gestellt, deutet genau das an: Man stellt zwar die Technik in den Mittelpunkt, aber man spricht mit Vorbehalten von ihr, man spricht von der “Handlungsträgerschaft” eines “Artefakts” und implementiert auf diese Weise sein Misstrauen gegenüber einer Technik, die handelt. Mehr noch: Der Begriff der “Eigenmächtigkeit” deutet ihren unbefugten Zutritt an. Von vorneherein – und das ist interessant – hat damit der Frage eine Richtung gegeben, mit der man dagegen ankämpft, die Technik als Subjekt zu lesen – gleichzeitig versichert man seine Sympathie gegenüber “moderateren Positionen, die von einer gradualisierten Vorstellung von Handlungsträgerschaft ausgehen”. Es soll also nicht darum gehen, auf eine humanistische Position zurückzufallen, es kann nicht darum gehen, Zuflucht zu suchen bei einem – wie Luhmann witzelte – “üblichen Animismus der Handlungstheorien”. Man sieht, dass das Ziel einer fundamentalen Analyse sein muss, sich nicht auf eine Seite zu schlagen. Die Technik und das Subjekt haben jeweils ihre Seinsweise; doch sie unterhalten komplexe und verschlungene Beziehungen. Ihr wechselseitiges Funktionieren ist in diesem Aufsatz zu beschreiben.
 
Tatsächlich ist in der jüngeren Vergangenheit eine Reihe von Begriffen aufgetaucht, mit der versucht worden ist, das Geflecht aus Technologie und Mensch in den Vordergrund theoretischer Konzeptionen zu stellen. So hat der französische Soziologe Bruno Latour – bekannt vor allem durch die Actor-Network-Theory in seinem Essay “Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie” dazu aufgerufen, den Humanismus neu zu verteilen und die Subjekt-Objekt-Trennung durch eine Theorie der Hybride zu ersetzen. Hybride, Mischwesen mit menschlichen und nicht-menschlichen Anteilen, die von einer Untrennbarkeit so genannter Quasi-Subjekte und Quasi-Objekte ausgehen, untrennbar, weil sie sich gegenseitig Gewicht geben. Auch die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Donna Harraway hat mit ihrer Figur des “Cyborgs” für eine komplexere Konfusion zwischen Organismus und Maschine plädiert, die den bisherigen Entwurf der Beziehung von Mensch und Maschine als “Grenzkrieg” ablösen soll. Haraway und Latour haben uns also mit begrifflichen Wegweisern ausgestattet, aber es bleibt unsere Aufgabe, die zusammenhängende Figur hinter diesen begrifflichen Wegweiser detaillierter auszuarbeiten. Es ist genau die “Konfusion” zwischen Mensch und Maschine, ihre “Untrennbarkeit”, die aufmerksamer und eindringlicher Analysen bedarf. Welche Rolle spielt die Technologie bei Cyborgs, Quasi-Subjekten und anderen Mutanten? Wie sind die verschlungenen Beziehungen von Subjekt und Technik zu denken? Wie kann man eine detaillierte Theorie entwerfen, die den Anteil der Dinge mit einbringt?
 
Zunächst einmal ist klar, dass man die alten Herangehensweisen und Begriffe nicht einfach über Bord schütten kann. Wenn man ein Modell der “Handlungsträgerschaft von Technik” entwickeln möchte und damit den Anteil der Dinge beobachten will, dann ist man gezwungen, den bisherigen Entwürfen Aufmerksamkeit zu schenken und die Beziehungen zwischen dem Subjekt und der Technologie, ihre Beschaffenheit, die Organisation dieser Schnittstelle zu erarbeiten, indem man die begriffliche Ordnung theoretischer Systeme dekonstruiert. Man muss aus dem gegenwärtigen Diskurs Tendenzen isolieren, die bereits der Vergangenheit angehören, sich aber noch für zeitgenössisch halten.[2] Wie ist die Beziehung zwischen Technik und Subjekt bisher gedacht worden? An welchen konkreten Stellen heißt es für uns, über sie hinaus zu gehen, um zu einem neuen Entwurf zu finden?
 
I.
Im Allgemeinen beschreibt man Technologie als “Extension of Man”, als “Ausweitung unserer eigenen Person”, wie Marshall McLuhan in “Understanding Media” schrieb. Und im Großen und Ganzen scheint es, als ob dieses Konzept der Technologie als Erweiterung des Menschen durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder aufgerufen und wiederholt wird. Während die technischen Erfindungen und die Begrifflichkeit, die Technologie beschreibt, einem Wandel unterliegt und mutiert, von Techne und Machina über “Arts and Carfts” zu Maschinen und Automaten und schließlich zu “High-Tec” ist die Kontinuität des Konzeptes, die Kontinuität einer Technik als Erweiterung des Menschen, beeindruckend. Aber ist die Wiederholung, mit der wir es hier zweifellos zu tun haben, wirklich in sich glatt und gleichbleibend? Heutzutage beispielsweise geht man nicht mehr davon aus, dass der Mensch die Technik kontrolliert. Eher nimmt man an, dass sie, die Technologie, den Menschen kontrolliert. Die Frage nach der Eigenmächtigkeit der Technik, hat sich mit der Industrialisierung, mit der Organisation unseres Alltags um technische Gegenstände im letzten Jahrhundert in aller Deutlichkeit etabliert.
 
Es ist also keine glatte und homogene Kontinuität, mit der wir  es hier zu tun haben. Die Terminologie bleibt weiterhin gültig, aber die Konzeption einer Technologie als Erweiterung verschiebt sich innerhalb des Feldes Technik, innerhalb ihrer diskursiven Formation. Diese Verschiebungen und die verschiedenen Modelle von Handlungsträgerschaft, die dabei entstehen, gilt es im Folgenden zu beobachten. Denn die Technik als Erweiterung des Menschen ist nur eine Konzeption der diskursiven Formation, ein sehr eindeutiges Protokoll. Es konzentriert die Verbindung zwischen Mensch und Technologie auf eine Richtung: der Mensch weitet sich aus und gebraucht dabei die Technologie. Damit implementiert die Konzeption gleichzeitig ein hierarchisches Verhältnis zwischen Mensch und Technik: Es verbindet ein aktives, ein intentionales Subjekt mit einem passiven Objekt, indem sich das aktive Subjekt das passive aneignet.
 
Diese klassische Figur der Aneignung findet ihren Ausgang in der aristotelischen Konzept des “Organs” als Vermittler. Der Begriff des “Organs” bezieht sich im Rahmen der aristotelischen Analogie von Natur und Technik sowohl auf natürliche als auch auf technische Werkzeuge – also auf die Hand ebenso wie auf den Hammer. Dem Begriff des Organs kommt in der Konzeption der Bewegung eine Zwischenstellung zu. Das Organ vermittelt die Bewegung zum Bewegten und ist Träger, passiver Vermittler. Und es ist eben diese Rolle des passiven Vermittlers, deren Tradition von der Konzeption einer Technik als Erweiterung des Menschen wieder aufgenommen wird und in den humanistischen Versionen der “Organprojection” vom frühen Technikphilosophen Ernst Kapp über McLuhan bis hin zum McLuhan Nachfolger Derrick de Kerckhove Unterkunft findet.
 
Die Technik wird als Vermittler einer Bewegung konzipiert, doch es ist die einseitige Gerichtetheit der Bewegung, die für den Ablauf des Protokolls entscheidend ist. Technik wird gemäß einer vom Menschen wegführenden Bewegung als Erweiterung gedacht, sie wird als Kontinuum des Menschen angeeignet. “Wenn wir einmal unser Zentralnervensystem zur elektromagnetischen Technik ausgeweitet haben,” so schreibt McLuhan in “Understanding Media”, “ist es nur mehr ein Schritt zur Übertragung unseres Bewusstseins auch auf die Welt der Computer.”[3] Die Organprojektion erklärt auf diese Weise nicht nur die Erfindung der Werkzeuge als intentionale Erweiterung, Ergänzung für zu grobe Finger, zu geringe Kraft und zu leise und zu vergängliche Befehle. Technologie, Technik ist eine Extension des Menschen durchdrungen von seiner Intention. “Ausgangspunkt ist der Mensch,” so schreibt Ernst Kapp im ersten Buch, das einer Philosophie der Technik gewidmet wird (1877), “der ja bei Allem, was er denkt und thut, ohne von sich selbst abzufallen, von nichts anderem ausgehen kann als von sich, dem denkenden und handelnden Selbst.”[4]
 
Ausgangspunkt ist der “Mensch” – doch eben dieser Ausgangspunkt ist es, an dem eine Turbulenz des theoretischen Protokolls der Technik als Erweiterung des Menschen sichtbar wird, sich ein Bruch der theoretischen Konzeption versteckt, gut versteckt, so dass man bereits einige Male daran vorüberargumentieren konnte, ohne dass etwas aufgefallen wäre. Wie ist das Konzept einer “Erweiterung” zu denken, in welcher Beziehung steht es zum Menschen? Bislang bestach die Konzeption einer Erweiterung des Menschen durch Technik vor allem durch ihre Klarheit, ihre Gerichtetheit vom Menschen als aktives Subjekt auf die Technik als passives Objekt. Doch – und es klingt ebenso banal wie es zwingend die Konzeption durcheinander bringen wird: Wenn ein Mensch durch Technik erweitert wird, fügt sich etwas hinzu. Etwas fügt sich hinzu, als “Erweiterung” muss dem Menschen die Technik damit äußerlich sein. Dieses Hinzufügen von etwas Äußerlichem, diese Erweiterung durch Technik lässt sich nicht mit der Rolle eines passiven Objektes in Einklang bringen. Die Konzeption eines aktiven Subjektes “Mensch”, der sich ein passives Objekt “Technik” aneignet, ist in sich nicht geschlossen. Wenn man genau hinguckt, kann man bemerken, dass die Homogenität von Mensch und der sich hinzufügen Technik mit dem Prinzip der Erweiterung stillschweigend in Frage gestellt wird.
 
Man kann an einem kurzen Beispiel zeigen, dass dieses Insistieren auf die Irritation durch die Erweiterung nicht nur einer konzeptuellen philosophischen Strickübung entspricht. Denn die beschriebenen Turbulenz haben sich durchaus im öffentlichen Diskurs wieder gespiegelt, etwa beim Internet. Es scheint zwar auf den ersten Blick, als wäre der Machbarkeitswahn ausgeblieben, der eine Konzeption von Technik als Erweiterung des Menschen bislang beinahe zwanghaft begleitet hat. Es scheint, als wären die phantasievollen Visionen  der Fünfziger und Siebziger ausgeblieben, jene Visionen von Menschen, die auf dem Mars, im Weltall oder unter Wasser leben, und die man versuchte in den Achtzigern mit der Technikfolgenabschätzung auf die Erde zurückzuholen. Aber bleibt der Wahn wirklich aus? Denn der Traum einer unendlichen Machbarkeit taucht zwar nicht im klassischen Sinn des Science Fiction auf, aber er hat um so intensivere und überwältigendere Dimensionen in der Ökonomie erreicht: “It began with the arrival of personal computers, open markets, and globalisation in the early 1980s. Computers, networks, biotechnology, alternative energy technology and eventually nanotechnology could keep the Long Boom growing for at least the next 20 years” berichtete das amerikanische Magazin Wired1998. Und genau das kann man wie folgt übersetzen:  “Es gibt so viele Subjekte da draußen. Sie kann man mit Erweiterungen ausstatten. Entwickelt sie.” Für eine Weile konnte man beobachten, wie das Konzept der Killerapplikation dem Markt die Regeln einer neuen Ökonomie diktierte, beispielsweise die, dass der Wert der Aktien nicht anhand des Gewinnes einer Firma errechnet werden sollten, sondern anhand ihres Umsatzes.
Gleichzeitig konnte man aber bemerken, dass mit dem Internet verstanden als eine Erweiterung der menschlichen Reichweite bestimmte Probleme auftauchten. Mehr und mehr begann man sich danach zu fragen: Wessen Reichweite wird hier verlängert? Welcher Typus “Mensch” ist es, der hier erweitert wird? Zeitungen, Politiker und Kritiker begannen die Technologie des Internet mit dem Verlust der kulturellen Identität zu verbinden. Die UNESCO veranstaltete mehrere internationale Treffen der Kulturminister – u.a. zwei im Jahr 2000 – , auf der das Internet als eine Technologie diskutiert wurde, welche die kulturelle Vielfalt bedroht. Abgesehen davon, dass hier Technologie mit dem gesellschaftlichen Problem eines sich mehr und mehr durchsetzenden Kapitalismus westlicher Spielart identifiziert wurde: Wenn man das Internet als ein Monster der Globalisierung definiert, durchbricht man die Konzeption von Technologie als Erweiterung eines autonomen Subjektes Mensch, der sich eines passiven Objektes bemächtigt. Monster verhalten sich nicht wie passive Objekte.
 
 
II.
Technologie wird also durchaus nicht einfach als glatte und einfache Erweiterung des Menschen verhandelt, sie ist ein irritierendes Supplement. Und wie Derrida in seinem Buch „Grammatologie“ für das Supplement gezeigt hat, bedingt jede Ergänzung, jede Addition, jedes “Surplus” ein Effekt darüber hinaus, dass es die Präsenz eines Subjektes einfach nur zu erweitern. Doch schon Marshall McLuhan stellte in Understanding Media fest:
 
“…die Botschaft’ jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt. Die Eisenbahn  hat der menschlichen Gesellschaft nicht Bewegung, Transport oder das Rad oder die Straße gebracht, sondern das Ausmaß früherer menschlicher Funktionen vergrößert und beschleunigt und damit vollkommen neue Arten von Städten und neue Arten der Arbeit und Freizeit geschaffen.”[5]
 
Worauf hier angespielt wird, ist also folgendes: Technologie ist nicht nur ein Substitut, das an der Positivität der Präsenz, an der Positivität des Subjektes beginnt. Technologie definiert das Subjekt. Mit dieser Umkehrung werden die Menschen zur Erweiterungen der Technik erklärt. Das Konzept eines aktiven Subjektes war bis dahin immer in Bezug auf den Menschen entworfen worden. Jetzt nimmt seine Rolle die Technologie ein und die Menschen treten als passive Objekte auf.
Die Bestandteile der bisherigen Konzeption werden verschoben, die Rollen werden vertauscht, aber die Architektur des theoretischen Protokolls bleibt die Gleiche. Es gelingt bislang offensichtlich nicht, die Beziehungen zwischen Mensch und Technik anders als in einem oppositionellen Subjekt-Objekt-Modell zu denken. Man findet einen Ausweg darin, die asymmetrische Opposition von Mensch und Maschine unter umgekehrten Vorzeichen zu wiederholen: Technische Operationen werden nun in der Rolle des Subjektes verhandelt. “Medien bestimmen unsere Lage”, beginnt Friedrich Kittler seine Analyse von “Grammphon, Film, Typewriter”.
 
Eine Reihe von Fragen taucht auch hier auf. Wie wird Technik von nun an bewertet? Wie wird diese umgekehrte Technik definiert? Es ist bezeichnend, dass mit der Umstellung des theoretischen Protokolls auch eine Umstellung des Begriffes “Technik” einhergeht. In der Konzeption der Technik als Erweiterung des Menschen wurde die Technik vor allem als “kultureller Fortschritt” definiert. Jetzt kommt ihr eine neue Rolle zu: Immer noch ersetzt die Technik den Menschen, doch sie agiert nicht mehr in seinem Sinne. Man kann eine diskursive Linie ziehen, die von Oswald Spenglers Angst vor einer “Versklavung des Menschen” durch Technik bis hin zu Friedrich Kittlers Vorliebe von Technologie als einer Kriegtechnologie diese Verdrängung thematisiert. Die Konzeption des Menschen als Erweiterung der Technik arbeitet sich nicht an Waschmaschinen, Toastern oder Haartrocknern ab. Aufgerufen wird eine Technik in menschlicher Opposition, eine Technik als Gegner des Menschen, eine Technologie, die ihn ersetzt, eine Technologie, die ihn bekriegt. Eine Technologie, die an der Unterjochung, am Verschwinden des Menschen interessiert ist und an seine Stelle tritt. Kittler, der hier exemplarisch, rein stellvertretend und unter Missachtung seiner sonstigen durchaus produktiven Analysen zitiert werden soll, schreibt:
 
“Eine einzige Rückkopplungsschleife und Informationsmaschinen laufen den Menschen, ihren sogenannten Erfindern, davon. Computer selber werden Subjekte. FALLS eine vorprogrammierte Bedingung ausbleibt, läuft die Datenverarbeitung zwar nach den Konventionen nummerierter Befehle weiter hoch, FALLS aber irgendwo ein Zwischenergebnis die Bedingung erfüllt, DANN bestimmt das Programm selber über die folgenden Befehle und d.h. seine Zukunft.”[6]
 
Aus der Erweiterung der menschlichen Kontrolle ist ein Ersetzen des Menschen an sich geworden: Die Computer selber werden Subjekte.  Anders als Haraways Konzeption des “Cyborg”, anders als Latours gegenseitige Abhängigkeit von “Quasi-Objekt” und “Quasi-Subjekt” gelangt die Theorie mit ihrer Definition des “Menschen als Erweiterung der Technik” also nicht zu einer ausgeglichenen Mensch-Maschinen-Wesenheit. Das Protokoll vom “Menschen als einer Erweiterung der Technik” baut auf der Idee auf, dass wir zu Teilen der Technik werden, während die Technologie die Rolle der menschlichen Subjekte übernimmt. Doch diese Umkehr lässt paradoxer Weise die Idee “Mensch” nicht wie ein Gesicht im Sand verschwinden, wie Foucault mal formuliert hat, um etwas Neues zu werden, sondern formiert den Mensch als eine grundlegende Wesenheit, als ein Gegenüber der Technologie. Der auch in Deutschland gern gepflegte Diskurs der Technikfeindlichkeit hat in dieser Einstellung ihren Ausgang: Man kann bemerken – nicht zuletzt Bruno Latour selbst hat das gezeigt -, dass die Einführung jeder Technologie von Verlustängsten begleitet wird, die sich in einer manifesten Technikfeindlichkeit äußern. Diese Technikfeindlichkeit hat ihren Ausgang im Konzept des Menschen als Verlängerung der Technik. “Was haben sie wohl geraucht?” fragte das Magazin Wired deshalb 1997 die Redakteure der renommierten New York Times, die in den ersten Jahren des WWW das Netz als einen Ort der soziale Pathologie beschrieb: “Hate groups use Tools of the electronic Trade” 13. März 1995. “Attack of the cyberthieves” 23. Juli 95. “Man charged with raping date he met form E-Mail” 6. Februar 1997. “A seductive drug culture flourishes on the Internet” 20. Juni 1997. Doch die Monsterisierung, die man hier beobachten kann, muss nicht unbedingt eintreten, weil wir es wie im Film Matrix mit einem “Mensch-an-Technik-geschaltenten” Medienverbund zu tun haben, der das Szepter der Regierung übernimmt. Das Netz wurde zum Monster erklärt, weil mit ihm – wie mit jeder neuen Technologie – die Grenze zwischen Mensch und Maschine, die kulturelle Definition dessen, was wir mit menschlich meinen, neu auszuhandeln ist. Wie also kann man diese Grenzverschiebung theoretisieren, wie kann man eine Formel entwickeln, um sie zu beschreiben?
 
 
III.
Bevor man das Analysierte wieder aufnimmt, bevor man es verschiebt und seine Anordnung zu Gunsten der Konstruktion einer “Handlungsträgerschaft” komplexer – und hoffentlich damit auch klarer entwirft, gilt es zunächst einmal, ein Resümee zu ziehen. Bislang sind zwei verschiedene theoretische Ansätze untersucht worden: die Konzeption von Technik als Erweiterung des Menschen und die Konzeption des Menschen als Erweiterung der Technik. Eines ist die jeweilige Umkehrung des anderen, scheinbar gegensätzlich, scheinbar unvereinbar. Aber hat man es wirklich mit zwei gegenüberstehenden Protokollen zu tun? Tatsächlich existieren sie gleichzeitig und es ist diese Gleichzeitigkeit, die einem den Weg weist, um zu einem komplexen Modell einer Handlungsträgerschaft zu gelangen. Denn – und eben dies scheint mir der eigentliche Punkt – eine Gleichzeitigkeit beider Konzeptionen kann nicht im Modus der Aneignung agieren.
 
Erweiterung als eine Aneignung von Technik bzw. einer Aneignung des Menschen, als eine Beschlagnahmung, Ermächtigung und Enteignung widerspricht als einnehmende Bewegung jeder gleichzeitigen Gültigkeit. Man muss also diese Ausschließlichkeit abmildern, man muss zu Entwürfen kommen, die sich gegenseitig ergänzen und nicht miteinander konkurrieren. Es gilt, anstelle des totalitären Konzeptes einer Erweiterung als Aneignung ein weitaus bedächtigeres Konzept von Erweiterung zu durchdenken, das der Addition.
Die Erweiterung als Addition denken: Das Resultat wäre eine deutliche Verschiebung der Beziehung zwischen Mensch und Technologie. Die Funktion bleibt die gleiche: Sowohl durch das Konzept einer Aneignung als auch durch das Konzept einer Addition wird die Präsenz des Menschen erweitert. Aber im Modus der Aneignung ist sie gezeichnet durch Kontinuität, eine Kontinuität, welche die Technik als Teil des Menschen definiert, während im Modus der Addition die Technik als eine Erweiterung des Menschen bestimmt werden kann, die gleichzeitig in Differenz zu ihm steht. Addition als Zusatz ist als “Äußeres” definiert, als Verräumlichung des Subjektes. Technik ist die Verräumlichung des Subjektes, aber damit ist sie – und es ist wichtig, darauf zu bestehen – etwas anderes als das Subjekt selbst. Während im Modus der “Aneignung” die Erweiterung des Menschen in einer glatten und unproblematisierten Gerichtetheit mit ungebrochener Kontinuität entworfen wird, bleibt im Modus der “Addition” eine Differenz präsent, eine Differenz zwischen dem Subjekt und seiner Verräumlichung. Diese Differenz gilt es im Folgenden aufzunehmen und in die Konzeption des Menschen als Erweiterung der Technik einzubringen.
 
Die Konzeption des Menschen als Erweiterung der Technik verbindet die Aktivität der Technologie mit der Konstituierung des Menschen. Aber muss diese Konstituierung deshalb automatisch hierarchisch gedacht werden? Ist es notwendig sie von einem aktiven Subjekt abhängig zu denken, welches das passive Objekt bestimmt?
Wiederum kann man auch hier die Konzeption verschieben, von einer Technik, die als aktives Subjekt den Menschen begründet, zu einer Technik, die den Menschen konstituiert, indem sie sein Anderes darstellt. Während im ersten Konzept die Technologie den Menschen in der Rolle des Subjektes produziert – wie die Schreibmaschine den Autor – konstituiert in der zweiten Konzeption die Technologie den Menschen durch ihre Beziehung zu ihm als sein Anderes. Dieses Konzept der Differenz stellt in den Vordergrund, dass es kein Eines, keine Einheit, keine Identität ohne das Andere geben könnte. Jede Konstituierung beruht auf der Spur ihrer Differenz, denn das Eine kann nur mit einem Anderen auftauchen. Technologie wäre in dieser Konzeption dann nicht mehr das aktive Subjekt, dass den Menschen produziert. Als das Andere des Menschen konstituiert es den Menschen durch die Differenz zu ihm. Ihre Beziehung ist damit nicht hierarchisch, sondern wechselseitig. Das Subjekt ist der Technik gegenüber weder unterworfen, noch indifferent. Es ist durch ein Funktionssystem an die Technik gebunden, das man beschreiben kann, sofern man seine verschiedenen Ebenen sorgfältig differenziert.
 
Mit den obigen Verschiebungen bisheriger Theorien ist es möglich, die detaillierten Beziehungen zwischen Mensch und Technik zu bestimmen, auf welche die Figur des Cyborgs, des Quasi-Subjektes und andere Mutanten uns aufmerksam gemacht haben. Denn man hat  es bei der Theorie einer Technik als Erweiterung des Menschen und bei der Theorie eines Menschen als Erweiterung der Technik nicht mit oppositionellen Entwürfen zu tun. Man hat es nicht mit gegensätzlichen Entwürfen zu tun, deren Konzeptionen einander widersprechen. Ihre Beziehungen überkreuzen sich und verhalten sich komplementär, denn die Grenze zwischen Technik und Subjekt wird von ihrer Kreuzung organisiert: Technik ist immer 1. eine Erweiterung des Subjektes, das seine Präsenz in ein Draußen versetzt und es ist 2. dieses Draußen, das als Differenz das Subjekt konstituiert. Es ist diese doppelte Kreuzung zwischen Subjekt und Technik, durch welche die Grenze zwischen Mensch und Maschine formiert wird, es ist diese doppelte Kreuzung, die ihre Schnittstelle organisiert.
 
Der traditionell intentional organisierte Handlungsbegriff erfährt damit eine Erweiterung. Die Kategorie der Intention hat auch weiterhin einen Platz, aber sie beherrscht im Modus der Verräumlichung den Schauplatz nicht mehr länger alleine, sie bestimmt nicht mehr länger alleine das System Handlung. Sie wird zum Teil einer Konzeption, stößt auf einen Anteil der Dinge, der von nun an mitberücksichtigt werden kann.[7]  Sie, die Dinge, werden ebenso als Aktanten ihren Platz einnehmen. Sie nehmen ihren Platz ein, doch man hat es nicht mit festen und fixierten Örtlichkeiten zu tun, man kann nicht ein für allemal die Grenzlinie zwischen Mensch und Technik bestimmen. Die Konzeption einer doppelten Kreuzung, die Konzeption von Technik als 1. einer Verräumlichung des Subjektes und 2. als Differenz, die es konstituiert, ist gekennzeichnet durch ständige Grenzübertretungen. In diesen Grenzübertretungen, die den Diskurs nicht von ungefähr immer wieder beschäftigen – als Sozionik, als Robotter, als Software-Agenten, als künstliches Leben – wird das Verhältnis von Mensch und Technologie ständig neu verhandelt. Und im Aushandeln dieser Grenze des Menschseins, im Aushandeln dieser Grenze von Zuständigkeiten liegt immer auch eine Dimension des Politischen. Die amerikanische Theoretikerin Donna Haraway hat es deshalb auf den Punkt gebracht: Nichts ist dieser Tage wichtiger, als “die Verwischung dieser Grenzen zwischen Mensch und Maschinen zu genießen  und Verantwortung bei ihrer Konstruktion zu übernehmen.”

[1] Herbsttagung der Wissenschafts- und Technikforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Berlin, 4. und 5. Oktober  2001
[2] Vgl. Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, Frankfurt am Main, Ullstein Verlag 1974, 15
[3] Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Dresden, Verlag der Kunst 1995, 103
[4] Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, Braunschweig, Georg Westermann Verlag 1877, 33
[5] Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Dresden, Verlag der Kunst 1995, 22f
[6] Friedrich Kittler, Grammophon, Film, Typwriter, Berlin, Brinkmann & Bose 1986, 372. Vgl. auch: “Im Augenblick gnadenloser Unterwerfung, unter Gesetze, deren Fälle wir sind”, schreibt Kittler, “… vergeht das Phantasma vom Menschen als Medienerfinder. Und die Lage wird erkennbar. Schon 1945, im halbverkohlten Schreibmaschinenprotokoll der letzten OKW-Lagen, hieß der Krieg der Vater aller Dinge: Er habe (sehr frei nach Heraklit) die meisten technischen Erfindungen gemacht. Und spätestens seit 1973, als von Thomas Pynchon Gravitys Rainbow herauskam, ist auch klargestellt, dass die wahren Kriege nicht um Leute oder Vaterländer gehen, sondern Kriege zwischen verschiedenen Medien, Nachrichtentechniken, Datenströmen sind. Raster und Moires einer Lage, die uns vergisst…” Ebenda, 5f
[7] Vgl. Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1983, 310